translations & design: © Dr. Hilmar Alquiros Aachen/Germany 2002 ff.

 

 老子   道德經

Lǎozĭ  Dàodéjīng

  Laotse    Tao Te King

 

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downlaod: Calligraph 421 BT

 

Haiku

 

 Leben geht, Tod kommt ...

das Laub zitterte grundlos –

Tod ging, Leben kam

 

 Life went and Death comes ...
how baseless trembled the leaves –
Death went and Life came

 

 hilmar, 2008

 

 

Teil 1: Dào (01–37)

 

Der Mystische Weg  01  The Mystical Way

 

Ein Dào, das man ergründen kann,

ist nicht jenes ewige Dào dann;

begreifbare Begrifflichkeiten

sind nicht Begriffe für alle Zeiten!

Der Ursprung der Welt ist nicht zu verstehen,

doch als Urmutter aller Dinge zu sehen.

 

Frei von Begehren stets darum

erschaut man so sein Mysterium;

begehrlich aber zu allen Zeiten,

erblickt man Oberflächlichkeiten.

 

Beides war gemeinsam entstanden,

so unterschiedlich wir es auch fanden

und zusammen geheimnisvoll nannten

wie immer noch geheimer gar

uns aller Mysterien Pforte war...

 

 

Die Einheit der Gegensätze  02  The Unity of Opposites

 

Kennt Schönes als Schönheit jeder weltweit,

dann ebenso wohl Hässlichkeit;

kennt jeder der Güte guten Gebrauch,

dann kennt er wohl das Böse auch.

 

Wie Sein und Nichts einander verwenden,

Schweres und Leichtes einander vollenden,

Länge und Kürze einander gestalten,

Hoch und Tief zueinander halten:

So harmonieren Stimme und Chor,

so folgen Danach sich und Zuvor.

 

Da Weise im Handeln nicht-eingreifend bleiben,

das Lehren ganz ohne Worte betreiben,

wohl alles sich darin gebiert ...
doch nicht von ihnen kontrolliert!

Schöpferisch sind sie und häufen nicht auf,

sie wirken, doch pochen sie nicht darauf;

ihre Aufgaben vollenden sie,

doch Anspruch darauf erheben sie nie.

Denn häuft man eben nichts mehr an,

bleibt nichts, was man verlieren kann.

 

 

Schlichtheit  03  Simplicity

 

Verherrlicht man die Würdigen nicht

und lässt nicht alle auf Wettstreit erpicht,

nicht preisen schwer zu erlangende Sachen

wird die Leute nicht zu Räubern machen.

Nicht sehen können, was man begehrt,

belässt Eure Herzen unversehrt.

 

Darum: wo ein Weiser regiert,

da leert er erst, wonach man giert,

stillt die Bedürfnisse, nicht ihren Eifer,

und macht sie so von innen reifer.
 

Lässt unmerklich alle stets wunschlos reifen

und Wissende nicht wagen einzugreifen.

 

So handelt, aber greift nicht ein

dann wird nichts unerledigt sein!

 

 

Unergründlichkeit  04  Inscrutability

 

Das Dào: wie „leer“, doch im Gebrauch

andererseits nicht zu füllen auch.

Abgründig, ach, es muss wohl ein

Urahn aller Wesen sein.

 

Ihre Schärfe mildert es ganz,

löst, was sie in Verwirrung hält,

harmonisch macht es ihren Glanz

und vereint sich mit ihrer Welt.

 

Verborgen, ach... und dennoch da;

ich weiß nicht, wessen Kind es war

des Himmels Vorspiel offenbar.

 

 

Schöpferische Leere  05  Creative Emptiness

 

Freundlich sind Himmel und Erde nie:

die Wesen behandeln wie Strohhunde sie...

Nicht freundlich sind so auch die Weisen:

weil auch Menschen sich als Strohhund erweisen!

 

Himmel und Erde: ihr Zwischenreich

scheint einem Dudelsacke gleich:

Fällt nicht zusammen, so doch leer,

regt schöpferisch sich umso mehr.

 

Anstatt man wortreich Erschöpfung litte

bewahrt man besser seine Mitte!

 

 

Das Mystisch-Weibliche  06  The Mystical Female

 

Unsterblich ist des Tales Geist,

geheimnisvoll-weiblich, wie es heißt.

Die Pforte zur Mystischen Urmutter hin:

für Himmel und Erde der Urbeginn.

Wie allgegenwärtige Fädchen, so fein

genutzt werden sie unerschöpflich sein!

 

 

Unvergängliche Selbstlosigkeit  07  Everlasting Unselfishness

 

Beständig der Himmel, von Dauer die Erde
wodurch sie so ewig und dauerhaft werde?

Da sie nach eigenem Leben nicht streben,

daher können sie lange leben.

 

So stellen Weise sich hintan

und kommen doch selbst dabei voran,

Deiner selbst entäußere dich
denn so bewahrt man selber sich.

Nicht wahr, weil selbstlos so indessen,

erfüllt man eigene Interessen!

 

 

Konkurrenzlose Anpassungsfähigkeit  08  Flexibility without Competition

 

Die höchste Güte gleicht Wasser allein:

wird allen Wesen nützlich sein

doch führt es keinen Wettstreit ein;

es weilt auch an Orten, wo jedermann weicht

weswegen es nah an das Dào reicht.
 

Das Wohnen zählt nach rechten Plätzen,

im Geist wird man die Tiefe schätzen,

im Geben zählt Menschlichkeit allein,

im Reden schätzt man aufrichtig sein,

die Ordnung schätzt man am Verwalten,

Geschäfte sollten Klugheit entfalten,

Taten den rechten Zeitpunkt enthalten.

 

Denn ohne Wettstreiten allein

so wird man ohne Tadel sein.

 

Loslassen  09  Letting Go

 

Überspannt man den Bogen und hält ihn doch fest:

das ist nicht so gut, wie wenn man es lässt!

(Waffen) polieren und schärfen sodann

dann schützen sie auch nicht mehr so lang!
 

Gold und Jade, sie füllen die Halle:

niemand kann sie bewachen alle;

reich und geehrt folgt Hochmut daraus,

liefert man selbst sich dem Unglück aus!

 

Rückzug, da das Werk vollbracht

wie es das Dào des Himmels macht.

 

 

Reinheit und Anspruchslosigkeit  10  Purity and Modesty

 

Geist fördern und Seele: die Einheit behalten

kannst du das, ohne dich zu spalten?

Lebenskraft bündeln und Weichheit erreichen

kannst du dem Neugeborenen gleichen?

Die finsteren Sichtweisen spüle hinweg

kannst du ganz rein sein ohne Fleck?

 

In Liebe zum Volk das Land verwalten

kannst du das ohne Wissen entfalten?

Wie Himmelspforten sich öffnen und schließen

kannst du dich frei von Gelehrsamkeit halten?

Mit klarem Verständnis alles durchdringen

kann ohne Gelehrsamkeit es gelingen?

 

Hervorbringen etwas und ihm nützen,

erschaffen, doch es nicht besitzen,

handeln, doch es nie erzwingen,

führen, doch ohne Führerschaft

das nennt man tiefe Innere Kraft.

 

 

Schöpferisches Nichts  11  Creative Nothingness

 

Wo dreißig Speichen zur Nabe hin enden,

lässt gerade das Nichts ein Rad gut verwenden.

 

Forme den Ton, mach' Gefäße daraus:

das Nichts gerade macht ihre Brauchbarkeit aus.

 

Stemmt man Fenster aus und Türen,

wird das zu neuem Wohnraum führen:

gerade das Nicht-Sein dient so weit

zu des Raumes Brauchbarkeit.

 

So müht das Sein sich zum Gewinn

das Nichts erwirkt den Nutzen darin.

 

 

Suchtfreier Einklang  12  Unaddicted Harmony

 

Fünf Grundfarben blenden das Auge sehr,

fünf Grundtöne betäuben unser Gehör,

fünf Gewürze des Menschen Geschmack noch mehr.

 

Rennen, Hasten, Treiben, Jagen …

lassen das menschliche Herz verzagen;

die schwer zu erlangenden Güter im Lande

sind eure Entfaltung zu hindern imstande!

 

Weil für den Weisen Bedürfnisse zählen,

wird er sich nicht mit Begierden quälen

so lässt er dieses, um jenes zu wählen.

 

 

Unabhängiges Selbstwertgefühl  13  Autonomous Self-Esteem

 

Die Gunst, die wie Ungunst ein Schrecken wäre,

eine große Sorge wie Selbstsucht die Ehre?
 

Wie? „Gunst und Ungunst sind wie ein Schrecken.“

Die Gunst wird zur Erniedrigung führen:

Sie zu erlangen heißt Furcht erwecken,
gleichfalls erschreckend, sie zu verlieren

das meint: Gunst und Ungunst sind wie ein Schrecken.
 

Was heißt, „eine große Sorge wäre, der Selbstsucht ähnlich, auch die Ehre“?

Ich habe große Sorgen mithin,

da handelnd ich eigennützig bin;

erreichte ich Selbstlosigkeit jedoch, welche Sorgen hätte ich noch?

 

Wem so aus dem Herzen zu wirken gefällt,

dem kann man sie anvertrauen, die Welt.

Wer von Herzen es liebt, sich mit ihr zu befassen,

dem kann man getrost die Welt überlassen.

 

 

Unbegreiflichkeit des Dào  14  The Incomprehensibility of Dào

 

Du schaust und nimmst es doch nicht wahr:

sein Name lautet „Unsichtbar“;

du horchst nichts, was zu hören war:

sein Name lautet „Unhörbar“;

du greifst nichts ist zu fassen da:

sein Name lautet „Unfassbar“.

 

Drei Wege, man kann sie nicht erkunden...

so sind sie, als Einheit gebildet, verbunden:

die oben nicht hell ist sie und dunkel nicht unten,

wie endlos, grenzenlos, ohne Namen,

zurück, als ob sie zur Heimkehr kamen,

zum Wesenlosen heimgefunden.

 

Heißt Form, die ins Formlose entschwand,

als Abbild eines Wesenlosen

verborgenes Chaos auch genannt.

Willst du ihm entgegen zu stoßen,

es lässt nicht erblicken seinen Beginn,

ihm folgend, nicht sehen auf sein Ende hin.

 

Am uralten Dào halte man fest

was so auch die Gegenwart meistern lässt.

Den Urbeginn verstehen können

kann „Dào's roten Faden“ man nennen.

 

 

Unergründlichkeit der Weisen  15  The Inscrutability of the Wise Men

 

Des Altertums trefflichen Meistern gelang,

subtil, was geheimnisvoll tief durchdrang,

eine Tiefe, unmöglich ergründet.

Doch weil man sie undurchschaubar findet,

so seien sie notfalls durch Bilder verkündet:

 

Ach, wie behutsam irgendwie
überquerten den Fluss im Winter sie;

mit Vorsicht! wie wenn von allen vier Seiten
die Nachbarn einem Furcht bereiten;

höflich, ach, wie von Gästen man weiß,

so sanft, als schmölze gleich das Eis;

ursprünglich, ach, wie Naturholz sei's,

offen, ach, wie die Täler wären,

undurchschaubar! wie trübe Gewässer.

 

Wer sieht das Trübe durch Stille besser,
mit deren Behutsamkeit zu klären?

Wer weiß durch dauerndes Bewegen
behutsam den Frieden anzuregen?

des Friedens Behutsamkeit anzuregen?

Bewahre das Dào , begehrt nicht zu füllen:

denn ohne nach Überfülle zu gieren,

nur derart könnt ihr euch verhüllen

und braucht nicht Neues auszuführen.

 

 

Heimkehr zur Beständigkeit  16  Returning to Constancy

 

Die Leere im Äußersten erfahren,

im Innersten die Ruhe bewahren.

 

Die Wesen, sie alle entfalten sich,

doch ihre Heimkehr erschaue ich …

Des Himmels Geschöpfe, ganz ohne Zahl,

kehren heim zu den Wurzeln einmal.

 

Heimkehr zur Wurzel, mit ruhigem Gemüt,

heißt Rückkehr, die zur Bestimmung zieht;

zur Bestimmung zurück, die Beständigkeit heißt,

Beständigkeit, die zur Erleuchtung weist.

 

Nicht wissen, was denn beständig sei:

ruft achtlos dann das Unheil herbei.

Wie Wissen um Dauer Toleranz entfacht

und Duldsamkeit unparteilich macht:

unparteilich wird Größe sein,

Größe führt das Himmlische ein,

Himmlisches führt zum Dào allein.

 

Das Dào macht unvergänglich, von daher

ist selbst der Leibestod keine Gefahr mehr!

 

 

Bedachtsame Herrschaft  17  Considerate Leadership

 

Von Größten oben weiß man: es gibt sie!

Die danach, die preist man und liebt sie,

dann jene, die man fürchten muss,

Verachtung ernten jene am Schluss.

 

Kann nicht genug Vertrauen man geben,

wird man kein Vertrauen erleben!

 

Geschätzte Worte, ach, sind bedacht,

die Aufgaben werden dennoch gemacht,

die Angelegenheiten vollbracht

die anderen alle sagen hier:

wie selbst-bestimmt und spontan waren wir!

 

 

Zeichen des Verfalls  18  The Omen of Decay

 

Geht das Große Dào verloren,

wird Menschlichkeit, wird Recht geboren;

sind Scharfsinn und Spitzfindigkeit erst frei,

dann gibt es große Heuchelei.

Wo sich Verwandtschaft nicht versteht,
da gibt es Gehorsam und Autorität:

sind Land und Leute verwirrt und chaotisch,

werden loyal sie und patriotisch.

 

 

Freiheit durch Anspruchslosigkeit  19  Freedom through Modesty

 

Lasst Heiligtum und Gelehrsamkeiten:

dem Volk wird es hundertfach Vorteil bereiten;

Wohltätigkeit und Moral lasst sein:

stellt kindliche Pietät sich ein

und Elternliebe obendrein;

Gerissenheit lasst, und nach Eigennutz streben:

Räuber und Diebe wird es nicht geben.

 

Dreierlei Beispiel, das doch nicht genügt,

darum sei dies hier noch zugefügt:

Einfachheit zeigen, Natürlichkeit wahren... 

lasst weniger Selbstsucht und Gier erfahren!

 

Verzicht erst auf Gelehrsamkeit

belässt keine Sorgen mehr so weit.

 

 

Weltmenschen und Weise  20  Profane Men and Wise Men

 

[Verzicht erst auf Gelehrsamkeit

belässt keine Sorgen mehr so weit.]

 

Dass Zustimmung oder Heuchelei

wenig entfernt voneinander sei?

Was gut man oder böse nennt:

sind sie denn weit voneinander getrennt?

 

Die Menschen, wenn sie Angst empfinden

können sicht nicht aus der Angst entwinden.

Einsamkeit, ach, scheint nie zu schwinden!

 

Die meisten sind fröhlich und ausgelassen,

wie wenn man zum großen Opferfest will,

als bestiegen im Frühling sie Aussichtsterrassen...

 

Ich allein bin, ach, so still,

und dies noch ohne jedes Zeichen,

dem Neugeborenen zu vergleichen,

das noch gar nicht lächeln will;

wie müde, wie erschöpft, und ach

wie ohne Heim und ohne Dach.

 

Die meisten haben im Überfluss,

wo ich nur allein wie verloren sein muss.

Einfältig ist mein Herz, o ja,

so wirr und, ach, verworren gar …

 

Gewöhnliche Menschen sind klug und klar,

ich nur, der dunkel und trübe war;

Gewöhnliche: scharfer und strikter Natur

betrübt und bekümmert bin ich allein nur.

Wogend bin ich wie das Meer,

komme wehend, ach, wie ziellos daher. 

 

Den meisten scheint Zwecke verfolgen gemein,

bin eigenbrötlerisch ich doch allein

ich scheine ein Hinterwäldler zu sein,

ich nur bin anders als alle um mich
doch die Nährende Mutter... sie schätze ich!

 

 

Unauslotbares Dào  21  Unfathomable Dào

 

Die Gesinnung durchweg Innerer Kraft,

die Dào nur rechte Gefolgschaft verschafft:

Des Dào's Wirken bleibt fürwahr

höchst unbegreiflich, unfassbar.

 

Ungreifbar, ach, unfassbar fein:

scheinen im Innern Bilder zu sein;

unfassbar, ach, unbegreiflich, ja,

sind innerlich schon Wesen da,

verborgen tief, ach, ohne Grenzen,

in seinem Innern schon Essenzen,

höchst ursprünglich auch, wie diese Essenzen

im Innern an Gewissheit grenzen.

 

Vom Altertum bis in unsere Zeit:

sein Name war Unvergänglichkeit,

bewirkt es doch aller Dinge Beginn.

Woher ich in Kenntnis der Anfangsform bin?!

Von ganz tief innen drin!

 

 

Weisheit der Nachgiebigkeit  22  The Wisdom of Yieldingness

 

Nachgiebigkeit schafft Vollkommenheit,

Biegsamkeit schafft Geradlinigkeit.

Leere kann uns Fülle geben,

Verbrauchtes lässt uns Neues leben.

Wo wenig ist, kann viel entstehen,

zu viel lässt in die Irre gehen.

 

Weil weisen Menschen die Einheit gefällt,

werden sie Vorbild für alle Welt.

 

Nicht selbstbeachtend, wer Erleuchtung erfährt,

nicht selbstgerecht wirkt man abgeklärt;

kein Eigenlob, um verdienstvoll zu sein;

nicht selbstbewundernd stellt Größe sich ein.

 

Weil gerade man nicht zum Wettstreit bereit ist,

ist auf der Welt niemand, mit dem man in Streit ist.

 

So fällt das uralte Wort uns ein:

„Nachgiebig kann man vollkommen sein.“

 

Wie wären das leere Worte soweit?!

Zurück kehrt die wahre Vollkommenheit...

 

 

Nachhaltigkeit des Dào  23  The Sustainability of Dào

 

Nur wenig Worte braucht die Natur:

denn ein Wirbelwind dauert den Morgen kaum nur,

dass ein Platzregen nicht tagelang dauern werde

Wer all dies bewirkte? Himmel und Erde!

 

Zur Dauer nicht fähig schon Himmel und Erde,

umso weniger es wohl ein Mensch dann werde?

 

So bringt in die Dinge man Dào ein:
wer Dào besitzt, wird eins mit ihm sein,

wer Innere Kraft hat, wird eins mit der Kraft,

mit dem Loslassen eins, wer das Loslassen schafft.

 

Wird Einssein mit dem Dào gelingen,

dann wird dir das Dào auch Freude bringen,

wirst eins du mit der Inneren Kraft,

hat bald auch sie dir Freude verschafft,

sei eins mit dem Loslassen von den Dingen,

dann wird auch das Loslassen Freude bringen!

 

Kann nicht genug Vertrauen man geben,

wird man kein Vertrauen erleben!

 

 

Meidung der Raffinesse  24  The Avoidance of Sophistication

 

Auf den Zehen kann man nicht stehen,

mit gespreizten Beinen nicht gehen.

 

Wie Selbstsucht nicht Erleuchtung erfährt,

wird selbstgerecht man nicht abgeklärt;

ist Selbstlob kein Verdienst zueigen,

kann Selbstbewundern nicht Größe zeigen.

 

Das Dào betreffend, so heißt das nun:

übertrieben und geschwollen tun!

Verabscheuen es die Geschöpfe zuhauf,

so halte im Dào dich nicht damit auf!

 

 

Größe des Dào  25  The Greatness of Dào

 

Es ist schon im Chaos ein Wesen vollendet,

bevor es zu Himmel und Erde sich wendet.

Lautlos, ach, und leer in sich
ureigens unveränderlich.

Doch wirkt unerschöpflich als aller Welten

Urmutter kann es daher gelten.

 

Da ich nicht seinen Namen kenne,

und ich es Dào, den Weg also, nenne,

bin um Namen bemüht ich, es „groß“ befindend.

 

Groß will sagen: gleichsam entschwindend,

entschwindend meint: weithin verbindend,

weithin verbindend: zurück sich findend.

 

Das Dào groß also, der Himmel grandios,

und Erde und König sind ebenfalls groß.

Inmitten der Grenzen die Großen Vier:
auch der König bleibt davon einer hier…

 

Der Mensch wird ausgerichtet auf Erden,

die Erde vom Himmel geleitet werden,

der Himmel gemäß dem Dào sich regen

das Dào folgt seinen eigenen Wegen.

 

 

Gelassenheit  26  Calmness

 

Das Schwere ist Wurzel für alles Leichte,

wie Stille die Hast zu beherrschen erreichte.

 

So wandelt der Weise den ganzen Tag,

ohne dass er sich trennen mag
von der Schwere seiner Bürde.

 

Obwohl da manch glänzende Aussicht lag,

gilt, dass er gelassen bleiben würde,
zugleich darüber hinweg sehen mag.

 

Herrscher tausender Kampfwagen, sei

sich selbst wegen, ihm die Welt einerlei?

Leichtfertig verliert man die Wurzel dann,

wie man hastig die Fassung verlieren kann.

 

 

Wahre Meisterschaft  27  True Mastership

 

Gut wandern: frei von Spur und Fährte;

einen tüchtigen Redner ehrte,

dass ohne Fehler er sich bewährte.

Ein guter Rechner braucht nicht zu wählen

aus Schreibtäfelchen oder Marken zum Zählen.

Ein Schließer bringt Schloss und Riegel nicht an,

doch keiner ist da, der noch öffnen kann.

Der Tüchtige knüpft ohne Knoten und Band,

doch niemand, der ihre Auflösung fand.

 

So hüten die Weisen gut Menschenleben,

ohne die Menschen je aufzugeben;

stets können sie Dinge auch gut bewahren,

doch ohne dass sie Verschwendung erfahren

dies nennt man dann „nach Erleuchtung streben“.

 

Wie Gute den Bösen als Lehrer erschienen,

Böse den Guten als Aufgabe dienen.

 

Wo es Wertschätzung für Lehrer nicht mehr gibt,
und niemanden, der diese Aufgabe liebt:

große Verblendung trotz Kenntnis darin!

Man spricht vom „Geheimnis voller Sinn“.

 

 

Visionäre Kraft  28  Visionary Power

 

Das Männliche kennen, das Weibliche wahren:

und sich als Strombett der Welt erfahren.

Sich so als Strombett der Welt zu sehen:

lässt dauernde Innere Kraft nicht verwehen

und heimwärts zurück zur Kindlichkeit gehen.

 

Das Helle erkennen, das Dunkle bewahren:

und sich als Leitbild der Welt erfahren.

Sich so als Leitbild der Welt zu erfahren,

lässt stete Innere Kraft nie schwinden

und heimwärts zur Unbegrenztheit finden.

 

Den Ruhm erkennen, die Demut bewahren:

und sich als Quellgrund der Welt erfahren.

Sich so als Quellgrund der Welt zu erfahren,

lässt stete Innere Kraft vollenden,

sich wieder heim zum Ursprung wenden.

 

Ursprünglichkeit: erst einmal verloren,

wird Nützlichkeit aus ihr geboren;

bezieht sie der Weise in seine Pläne,

dann wird er in hohe Ämter erkoren

denn „großes Schnitzwerk braucht keine Späne“ …

 

 

Nichteingreifen  29  Non-Intervention

 

Wächst der Wunsch, die Welt zu bezwingen,

und strebst auch du nach solchen Dingen?

Ich sehe das letztlich nicht gelingen.

 

Die Welt ist ein Gefäß aus Geist,

das sich als nicht eingreifbar erweist!

In sie einzugreifen, ruiniert sie,

wer sie erobern will, verliert sie.

 

So führen die Wesen, teils folgen sie nach,

teils seufzen sie warm, teils prahlen sie kalt,

teils energisch, teils liegen sie brach,

teils steigen sie, teils stürzen sie bald.

 

So mag der Weise Extreme nicht leiden,

wird Extravaganz und Exzesse meiden.

 

 

Macht der Gewaltlosigkeit  30  The Power of Ahimsa

 

Wenn ein Herrscher an Dào's Rat sich hält,

greift nicht mit Waffen er nach der Welt

solche Aktionen zu erwägen
führt gewöhnlich zu Gegenschlägen.

 

Schlugen Heere die Lager auf,
wachsen bald Dornensträucher darauf.

Wo große Kriege sich entfernten,
da folgen sicher schlechte Ernten.

Tüchtige wirken und enden schlicht,

gewaltsam erobern riskieren sie nicht.

 

Vollbringen etwas, doch nicht prahlen,

vollbringen, doch nicht im Ruhm sich aalen,

vollbringen, doch ohne hochmütig sein,

vollbringen, doch ohne Stolz obendrein,

vollbringen, doch setzt man Gewalt nicht ein.

 

Geschöpfe: erst überreif, dann alt,

das heißt: „nicht mehr im Dào“ sein:

was nicht im Dào ist stirbt auch bald!

 

Siege für den Frieden  31  Victories for Peace

 

Selbst wenn von großer Pracht, sind Waffen
doch Werkzeuge, die bloß Unheil schaffen,

argwöhnisch verabscheuen die Wesen sie,

Menschen im Dào verwenden sie nie.

 

Der weise Herrscher bildet zu Haus

bevorzugt die linke Seite aus,

denn nimmt er Waffen in Gebrauch,

bevorzugt er die Rechte auch.

Waffen: des Unheils Werkzeug, wie?

Des weisen Herrschers Werkzeug nie;

kann er nicht anders als sie zu verwenden,

mit Ruhe und Gleichmut wird er’s vollenden;

nie wird ihn Freude am Töten verblenden:

weil Freude über solcherlei
doch Freude am Töten von Menschen sei.

Wahrlich, wem Töten von Menschen gefällt,
dann ist er niemals wohl dabei,
sein Ziel zu erreichen in der Welt.

 

In Glückszeiten schätzt man die Linke sehr,

im Falle des Unheils die Rechte mehr.

Den niedrigen Rang stellt zur Linken ihr,

rechts steht der höhere Offizier

das heißt: wie im Trauerfall handelt hier!

 

Sind Menschen getötet in großer Zahl,

dann beweint sie in Kummer und Sorgenqual:

wird ein Kampf den Sieg euch bieten,
begeht ihn wie bei Trauerriten!

 

 

Transzendenz  32  Transcendency

 

Das Dào, das stets unbegreiflich war,

seine Ursprünglichkeit, obgleich unscheinbar
niemand auf der Welt, der sie meistern kann.

 

Wo Fürst, wo König dies achten dann,

werden künftig von selbst alle untertan!

Himmel und Erde, vereinigt wieder,

senden uns süßen Tau hernieder.

Wenn niemand den Menschen gebieten kann,
werden von selbst alle rechtschaffen dann.

 

Unterscheiden begann, und Begriffe fanden

sich ein; sind sie erst mal vorhanden,

so wisst dann auch, wann ihr aufhören werdet

wer aufhören kann, bleibt ungefährdet.

 

Das Dào: symbolisch von überall her,
wie das Fließen der Bäche in Ströme und Meer.

 

 

Erleuchtung  33  Enlightenment

 

Wer andere kennt, ist klug zu nennen -

erleuchtet heißt: sich selbst erkennen.

Ist andre bezwingen bloß äußere Kraft,

hat Selbstüberwindung Stärke verschafft.

 

Kraftvoll vorgehen ist Ambition,

Genügsamkeit kennen ist Reichtum schon.

Wer den Platz nicht verliert, für Dauer steht,

unsterblich, wer stirbt und nicht untergeht!

 

 

Selbstlose Größe  34  Unselfish Grandeur

 

Das große Dào durchströmt die Lande,

ist links wie rechts dazu imstande;

die Wesen vertrauen ihm alle und sprießen

und werden niemals abgewiesen.

Verdienste, die erwirbt es zwar,
was aber nie „Besitz
ihm war.

Es kleidet und nährt die Geschöpfe gern,

doch macht es sich keineswegs zum Herrn;

kann ständig ohne Begehren sein:

so mag es bezeichnet werden als „klein“.

 

Hier treffen sich Wesen aus nah und fern,

doch macht es sich keineswegs zum Herrn;

so mag es als „groß“ auch bezeichnet sein.

 

Weil schließlich es selbst sich als „groß“ nicht begreift,

so zeigt seine Größe es ausgereift.

 

 

 Unbestechlichkeit  35  Incorruptibility

 

Das Große Vorbild sich bewahren

lässt weiter uns die Welt erfahren,

weiter gehen, doch zu schaden vermieden
erhaben, ausgewogen, zufrieden.

 

Musik, sie lässt zum Festschmaus eilen:
vorbeiziehende Wanderer verweilen;

doch Dào's Offenbarung mundet

fad, oh, wie ungewürzt bekundet!

 

Betrachte es nie kannst du je es erblicken,

belausche es nie wird zu hören es glücken

nutze es nie wird erschöpft es entrücken!

 

 

Kraft der Paradoxie  36  The Power of Paradox

 

Magst du bald etwas geschrumpft erhalten,

lass’ es erst ausgedehnt entfalten;

magst bald du etwas schwächer machen,

lass' es Stärke erst entfachen;

was du abzulehnen erwägst,

solltest fördern du zunächst;

möchtest du etwas nehmen bald,

musst erst du etwas geben halt:

was stets als subtile Erleuchtung galt.

 

Weichheit und Nachgiebigkeit empfinden
lässt Härte und Starrheit überwinden...

Den Fisch soll man nicht aus der Tiefe erbeuten,

die Staatsmacht nicht zeigen entsprechend den Leuten!

 

 

Sieg der Wunschlosigkeit  37  The Victory of Contendedness

 

Das Dào bewirkt, es greift nicht ein –

doch nichts wird unerledigt sein.

 

Kann Fürst, kann König sich daran halten,

wird künftig sich jeder von selbst entfalten;

wenn sie aber in ihrem Reifen

begehrten, dennoch einzugreifen,

sorgte ich, dass sie Schutz bekamen...

mittels Schlichtheit ohne Namen.

 

Des Namenlosen Schlichtheit, o ja,
lässt wieder begehrlos sie immerdar;

Denn ohne Begehren harmonieren

lässt alle Welt sich selbst regulieren.

 

 

Teil 2: Dé (3881)

 

Kraft der Absichtslosigkeit  38  The Power of Unintentionality

 

Die höchste Kraft scheint ohne Kraft ,

wodurch sie sich Innere Kräfte erschafft;

geringere Kraft lässt sich selbst nicht los,

so bleibt sie ohne Innere Kraft bloß.

Die höchste Kraft, handelt, doch greift nicht ein,

und ohne absichtlich tätig zu sein;

geringere Kraft greift auch nicht ein,

doch wird es hier mit Absicht sein.

Die höchste Menschlichkeit handelt nun,
doch ohne es absichtlich zu tun;

die höchste Gerechtigkeit handelt noch
und tut es voller Absicht doch.

Es greift auch ein die Hohe Moral,
doch reagiert dann keiner einmal,

wird sie die Arme nach oben schwingen,

um so doch etwas zu erzwingen.

 

Daher: wenn man das Dào verliert,
folgt erst die Kraft, die von innen führt,

geht die Innere Kraft verloren,

wird die Menschlichkeit beschworen,

gibt man die Menschlichkeit auch auf,

folgt Gerechtigkeit darauf,

verliert man auch Gerechtigkeit,

ist Sittenstrenge nicht mehr weit.

Doch wo die Sitten strenger sind,

wird Treue und Ehrlichkeit ausgedünnt,

worauf Verwirrung nun beginnt.

 

Mag Weissagung Dào’s Zierde sein...
doch führt man damit auch Dummheit ein!
 

Denn Meister, angesehen und groß,

verweilen in ihrer Tiefe bloß,

an ihrer Oberfläche bleiben sie nie,

sind lieber doch bei ihren Früchten sie,

sie bleiben nicht nur im Blütenglanz.

Dies wählen sie so, jenes lassen sie ganz!

 

 

 

Einklang durch Einfachheit  39  Harmony through Simplicity

 

Einstmals erlangten die Einheit sie:

Der Himmel dem Einheit Klarheit verlieh,

die Erde, die Frieden aus Einheit erhielt,

die Geister, da Einheit nur Wirkkraft erzielt;

die Täler ließ Einheit nach Fülle streben,

alle Wesen bezogen aus Einheit das Leben;

erlangten auch König und Fürst Harmonie:
als Vorbild somit der Welt wirkten sie.

All dies bewirkten sie irgendwie!

 

Ein Himmel, der nicht zur Klarheit weist,
wird
fürchten, dass er bald zerreißt;

die Erde, kann sie nicht Frieden erhalten,
wird sie befürchten, sich aufzuspalten,

die Geister, die keine Wirkkräfte kriegen,
sie werden befürchten zu verfliegen,

die Täler, die nicht in der Blüte stehen,
befürchten, vertrocknet zu vergehen;

alle Wesen, die nicht daraus Leben erwerben,
sie werden befürchten, auszusterben.

Sind Fürst und König nicht hoch geschätzt
sie fürchten, gestürzt zu werden zuletzt.

 

So liegt die Wurzel des Edlen im Rohen,

Niedriges wirkt als Grund des Hohen.

So nennen sich Fürsten und Könige meist
einsam, wertlos und verwaist.

Ist es nicht so, damit „was roh ist,
als Wurzel dient“
als Wurzel dient“  ob es nicht so ist?

Zählt man daher zu viel auf Ehre,

bleibt ohne Ehre man;
                                   nie begehre,

das Glitzern und Gleißen im Edelstein –

besser rau und fest wie Gedenksteine sein!

 

 

Rückkehr zum Nicht-Sein  40  Returning to Non-Being

 

Rückkehr ist des Dào's Bewegen,

Nachgiebigkeit das Dào zu pflegen.

Alle Welt ging aus dem Sein hervor,

das Sein aber wuchs aus dem Nichts empor.

 

 

Unscheinbares Dào  41  Unimposing Dào

 

Hört ein hoch gebildeter Mann
vom Dào, übt er und wendet es an;

hört er's, von mittlerer Bildung indes,

mal wahrt er das Dào, mal lässt er es;

hört man, von niederer Bildung bloß,

vom Dào, so verlacht man es groß

nicht verlacht wirkte es Dào-los!

 

Wie daher das alte Sprichwort schon meint,

dass Dào’s Erleuchtung wie dunkel scheint,

voranschreitend scheint es zurück zu gehen,

geebnet noch holprig anzusehen.

 

Wo höchste Kraft gewöhnlich wirkt,

noch große Reinheit wohl Flecken birgt,

umfassende Kraft nicht zureicht gar,

scheint die solide Kraft unstet da

und wahre Werte wandelbar.

 

Das größte Viereck scheint eckenlos,

das größte Talent wird spät erst groß;

die größte Stimme: wie still sie erschallt,

die größte Form wie ohne Gestalt.

 

Das Dào: verborgen und namenlos eben,

doch Dào nur kann so vollenden und geben.

 

 

Gewaltlose Evolution  42  Non-Violent Evolution

 

Aus Dào ging die Einheit hervor,

aus Einheit wuchs die Zweiheit empor,

wie jegliche Zweiheit die Dreiheit erfand –

aus Dreiheit die ganze Welt entstand.

 

Die Wesen alle, sie tragen das Yin,
doch streben umfassend zum Yang sie hin –

ihre vereinte Lebenskraft
ist es, die so Harmonie erschafft.

 

Den Menschen flößt grundsätzlich Abscheu ein,

einsam, verwaist bloß und wertlos zu sein –

doch Könige und Herzoge kamen
        und machten daraus noch Ehrennamen!

So verlieren sie manchmal und gewinnen noch,
und gewinnen manchmal und verlieren doch.

 

Wie andere das lehrten, so lehre auch ich:

„Brutale Gewaltmenschen werden für sich
niemals ein friedliches Ende finden!“

Ich werde dies hier nun verkünden
und meine Lehre darauf gründen...

 

 

Sieg der Sanftheit  43  The Victory of Softness

 

 Das Weichste, was auf Erden zu finden

ist, kann das Härteste überwinden.

 

Das Nichts es kann in allen Dingen
das Lückenlose gar durchdringen!

 

Ich ersehe aus diesen Dingen:
nicht-eingreifend handeln, wird Vorteile bringen;

Wie ohne Worte man lehren kann,

nicht-eingreifendes Handeln zeigt Vorteile dann:

nur Wenige auf der Welt wenden es an.

 

 

Wahre Werte  44  True Values

 

Ruhm oder Leben was ist dir nah?

Leben oder Güter was ist mehr da?

Gewinn oder Verlust was bringt Gefahr?

 

Daher: allzu sehr begehren
wird die Ausgaben sicher vermehren,

hortet man Dinge allzu sehr,
wiegt sicher der Verlust auch schwer.

Zu genügen wissen nicht schändlich mehr,

wer aufhören kann, ist ohne Gefahr:

so kann man bestehen immerdar.

 

 

Paradoxie der Wahrheit  45  The Paradox of Truth

 

Wie unzulänglich scheint große Vollendung,

doch ungemindert bleibt ihre Verwendung;

scheint größte Fülle leer uns auch,

ist unerschöpflich ihr Gebrauch.

 

Große Geradlinigkeit scheint krumm,

große Geschicklichkeit scheint dumm,

große Beredsamkeit scheint stumm.

 

Während Bewegung die Kälte besiegt,

der Sieg über Hitze in der Ruhe liegt.

Reinheit und Ruhe werden gelten
als Richtmaß uns in allen Welten.

 

 

Friedliche Genügsamkeit  46  Peaceful Frugality

 

Lebte im Geiste des Dào die Welt,
würden Rennpferde zum Düngen bestellt,

wo die Welt kein Dào mehr hat,
züchtet man Kriegspferde vor der Stadt.

 

Kein Unglück größer als Gier zu kennen,

an Unheil keines größer zu nennen als nicht wissen um Zufriedenheit,

kein Laster, das mehr als Gewinnsucht entzweit –

doch weiß man genug um Genügsamkeit,

genügt das wohl für alle Zeit!

 

 

Erkenntnis und Einsicht  47  Perception and Insight

 

Ohne aus der Tür zu gehen,
erkennt man alles Weltgeschehen,

ohne aus dem Fenster zu spähen,
kann man das himmlische Dào sehen.

Je weiter man in die Ferne geht,

umso weniger man versteht!

 

Weshalb die Weisen so verbleiben:
nicht verreisen und doch verstehen,

nicht besichtigen, dennoch beschreiben,

nicht eingreifen und doch die Vollendung sehen.

 

 

Weniger ist mehr!  48  Less is More!

 

Lernen heißt: anhäufen Tag für Tag,

Dào: dass täglich man loslassen mag.

Loslassen und wieder loslassen nun:

so kommt man zum nicht-eingreifenden Tun;

Greift man in seinem Handeln nicht ein,
wird dennoch nichts unerledigt sein.

 

Gewinnen lässt sich dadurch die Welt,
dass man sich nicht geschäftig verhält;

sie mit Geschäftigkeit zu erlangen,

ist nicht genug, die Welt einzufangen!

 

 

Güte und Treue als Vorbild  49  Goodness and Faithfulness as Examples

 

Des Weisen Ziel steht nie ganz fest,

da er anderer Ziele als Ziel wirken lässt.

 

Zu Guten und Nicht-Guten bin ich gut

weil Innere Kraft in Güte ruht,

bin Treuen wie Untreuen treu ergeben

denn Innere Kraft heißt: Treue leben.

 

Die Weisen, in die Mitte der Welt gestellt:

höchst harmonisch wirken sie in der Welt,

allseitig sind sie in ihrem Bestreben.

 

Sie richten ihr Auge auf sie und Ohr –

den Weisen kommen alle wie Kinder vor…

 

 

Tod und Leben  50  Death and Life

 

Ins Leben hinaus, in den Tod hinein...

Drei von Zehn hängen am Leben allein,

drei von Zehn, die den Tod eher schätzen;

da Menschen des Lebens zum Tod auch streben:

lasst drei von Zehn es auch davon geben!

Nun, aus welchem Grunde eben?

Weil sie des Lebens Überfluss leben!

 

So hört man von guten Bewahrern im Leben,

die wandernd durch die Lande streben,

sie fürchten nicht Büffel und Tiger eben;

in Schlachten nicht Schilder noch Schwerter tragen.

Die Büffel finden keinen Ort,
ihr Horn hineinzubohren dort,

kein Ort auch, wo die Tiger wagen,
ihre Klauen hineinzuschlagen,

und Schwerter wissen mit ihren Klingen
an keiner Stelle einzudringen.

 

Warum?

Da sie tödliche Stellen nicht tragen!

 

 

Der Weg und seine Kraft  51  The Way and its Power

 

Es ist das Dào, das Wesen erschafft,

genährt werden sie von der Inneren Kraft,

die Geschöpfe lassen die Form entfalten ,

die Umstände sie Vollendung gestalten –

so wird unter allen Wesen daher keines da sein, das nicht sehr

das Dào verehrt und schätzt seine Kraft.

 

Des Dào's Verehrung, das Schätzen der Kraft:

von keinem befohlen, doch von selbst stets geschafft.

 

Daher also: das Dào gebärt sie

und die Innere Kraft ernährt sie,

fördert sie und zieht sie groß,

sichert und ermutigt bloß,

pflegt sie und auch Schutz gewährt sie.

 

Schaffen, doch nicht Anspruch erheben,

handeln ohne Erwartung eben,

Förderung, die nicht Beherrschung schafft

das nennt man tiefe Innere Kraft.

 

 

Sinn und Sinnlichkeit  52  Sense and Sensuousness

 

Die Welt hat einen Uranfang,

so sieht man als Urmutter der Welt ihn an.

Nachdem sie zu ihrer Mutter fanden,
haben sie dann ihre Kindschaft verstanden;

nachdem sie ihre Kindschaft erkannten,
wieder bedachtsam zur Mutter sich wandten –

und das Ende des Lebens nicht drohend mehr fanden.

 

Die Ausgänge schließen, die Pforten verriegeln:

das Leben nicht mühsam zu besiegeln!

Die Ausgänge öffnen, Geschäfte sprießen:

das Leben unerlöst beschließen.

 

Auf Kleines achten: zur Erleuchtung gelangen,

nachgiebig bleiben heißt: Stärke empfangen.

Die Einsicht nutzen, noch heimzukehren

zur Erleuchtung, doch nie sich mit Sorgen beschweren:
Dies kann man durch ständiges Üben erlangen!

 

 

Wege und Abwege  53  Right Ways and Going Astray

 

Besäß’ ich an Weisheit ein kleines Stück,

ins große Dào ging ich zurück

und fürchtete nur die Abkehr daraus.

 

Das große Dào weist schnurgeradeaus,

doch lieben die Leute die Abwege mehr:

ganz prunkvoll kommen die Höfe daher,

mit Feldern voll Unkraut, die Speicher ganz leer.

 

Zu bunt-bestickten Kleidern wagen

sie, scharfe Schwerter auch zu tragen,

von Speis und Trank ist übersatt,

wer Geld und Güter im Überfluss hat:

das nenne ich Räuberprahlerei,

das führt in der Tat am Dào vorbei!

 

 

Soziale Reifung  54  Social Maturing

 

Entwurzelt wird nicht auf festem Grund,

entrissen nicht aus festem Bund.

Es möge bei Kindern und Kindeskindern
die Ahnenverehrung sich nicht vermindern.

 

Wirst du an dir selbst sie pflegen,
wird die Innere Kraft echt deswegen;

wende auch in der Familie sie an,
die Innere Kraft wird reichlich dann;

pflegst du im Dorf sie dauerhaft
wird fortan
deine Innere Kraft;

lass landesweit ihre Pflege beschließen,
deine Innere Kraft wird überfließen;

pflege sie überall auf Erden,
die Innere Kraft wird umfassend werden.

 

Gemäß dir selbst, so betrachte dich,

und die Familie verwandtschaftlich,

das Dorf entsprechend dem dörflichen Band,

dem Land entsprechend betrachte das Land,

die Welt sei weltgemäß erkannt.

Und ich, wodurch erkenne ich
die Welt als solche?
Tief innerlich!

 

Kraft der Tugend  55  The Power of Virtue

 

Bewahr’, was an Inneren Kräften so reich war –

dem neugeborenen Kinde vergleichbar:

Vipern und Schlangen, Skorpion und Hornissen
werden es nicht zu verletzen wissen,

kein wildes Tier es zu packen wagen,
Raubvögel werden es nicht schlagen.

 

Die Sehnen zart, die Knochen weich,

und doch, sein Griff ist fest zugleich.

Noch ohne von des Weibes und Mannes
Vereinigung zu wissen, kann es
doch zeigen, wie sich Zeugungskraft regt –

vom Gipfel der Lebenskraft bewegt.

Schreit ganze Tage, doch heiser nie

welch Höhepunkt an Harmonie!

 

Wissen um Einklang: Beständigkeit,

Beständigkeit kennen: zur Einsicht bereit.

 

Übersteigertes Leben heißt Unheil bald,

überfordern die Lebenskraft nennt man Gewalt.

 

Überstark... altern die Wesen dann,

man sieht es als ohne Dào an:

da es Dào-los vorzeitig sterben kann.

 

 

Stille Erleuchtung  56  Silent Enlightenment

 

Wie Wissende nicht reden müssen
muss, wer redet, nicht wirklich wissen.

 

Deinen Redefluss sollst du zügeln,

und die Sinnespforten verriegeln;

deiner Schärfe nimm das Böse,

deine Verwirrungen erlöse,

dass du dich vom Glanz befreist,

eins mit deinem Staub gar seist

Mystisches Einssein, wie es heißt!

 

So kann man es anhaftend nicht erlangen,

noch kann man es durch Abkehr empfangen;

kann es durch Nutzen nicht gelingen

und auch durch Schaden nicht erzwingen;

wie man es nicht durch Verehrung erhält,

kann auch Verachtung es nicht erringen

so gilt es als Höchstes auf der Welt.

 

 

Stille Einfalt, edle Größe!  57  Silent Simplicity, Noble Greatness!

 

Leite durch Rechtschaffenheit das Land,

nimm nur selten Waffen zur Hand,

durch Nichteinmischung die Welt zu gewinnen!

Woher ich das so wohl wüsste? Von innen!

 

Die Welt verbietet und schränkt zu viel ein –

so wird das Volk immer ärmer sein;

stellt man viel kluge Gerätschaft her,
verwirrt Land und Leute es noch mehr!

Wird Menschen manch kunstvolle Technik gelingen,
dann kommt es zu immer mehr seltsamen Dingen!

Gesetz und Ordnung, oft kundgetan,
zieht zu viele Räuber und Diebe an!

 

Daher äußert der Weise sich:

ich handele ohne einzugreifen,
und alle werden von selber reifen,

die Stille aber bevorzuge ich -

so werden von selbst alle vorbildlich.

 

Ich bin nicht geschäftig, doch zugleich
wird jedermann von selber reich;

weil ich frei von Begehren bin:
finden von selbst sie zum Ursprung hin.

 

 

Sanfter Führungsstil  58  Gentle Leadership

 

Gedämpft, unaufdringlich das Herrschen betreiben –

das Volk wird einfach und aufrichtig bleiben;

macht Herrschaft sich Schärfe und Strenge zueigen,

wird das Volk sich voll List und Tücke zeigen.

 

Das Unglück, ach, muss Glück untermauern,

im Glück muss, ach, schon Unglück lauern…

 

Wer könnte um seine Grenzen noch wissen,

würde er jede Richtschnur vermissen?

 

Wo Normen verkehrt sind, wird Chaos geboren,

wo Güte verkehrt wird, wird Unheil beschworen:

der Menschen Verblendung, die Tag für Tag

 nur härter und dauernder werden mag!

 

Darum: ein weiser Mensch, er sei

frei heraus, doch nicht verletzend dabei,

spitzfindig, nicht aber Stiche sendend,

gezielt, doch niemals zügellos endend,

brilliant sei er, doch niemals blendend!

 

 

Mäßigung  59  Moderation

 

Leite die Menschen, dien' der Natur:
nichts Besseres als
Genügsamkeit nur.

Denn wahrlich: nur Genügsamkeit

heißt Einpassung zur rechten Zeit;

rechtzeitig einpassen sich, das heißt,
dass die Kraft du bedeutsam zu sammeln weißt;

„Ansammlung Innerer Kraft“ ermisst,
dass nichts nicht zu bewältigen ist.

 

Ist nichts, was man nicht bewältigen kann,

kommt niemand an seine Grenzen heran;

muss niemand seine Grenzen noch spüren,
vermag man so das Land zu führen.

Bewahrt man des Reiches Mütterlichkeit,

so kann man bestehen für lange Zeit.

 

Das heißt nun: dass, wer tief begründet,

fest wurzelnd beständiges Leben findet -

im Dào der Einsicht in Zeitlosigkeit!

 

Herrschen ohne Schädigung  60  Domination without Damage

 

Das Regieren großer Staaten
sei wie kleine Fische braten

mit dem Dào, so leite das Reich!

Böse Geister werden nicht geistern sogleich;

nicht nur ihre bösen Geister, sie...
werden nicht geistern irgendwie,

auch die guten Geister, sie
schaden ihren Mitmenschen nie;

nicht nur die guten Geister laden
ein, den Menschen nie zu schaden,

auch die weisen Menschen, sie
schaden ihren Mitmenschen nie.

 

Da sich beide einander nicht schadend finden,

so werden die Kräfte sich gar noch verbinden!

 

 

Erste Diener  61  First Servants

 

Ein großes Reich: wie abwärts fließen,

sich allerorts zusammengießen,

als Weiblichkeit der Welt erkannt!

Wie Weiblichkeit ständig durch Stille siegt

und so die Männlichkeit überwiegt

durch Stille wirkt, was unten liegt.

 

Darum: wo jemals ein großes Land
entsprechend sich unter dem kleinen fand,

so nahm es das kleine in sich auf.

Wenn kleine Länder in solchen Fällen
sich unter die großen Reiche stellen,

erobern sie jene großen darauf.

Manche erobern von unten deswegen,

andere, obwohl sie unten gelegen!

 

Großreiche sollten keine Wünsche erklären,
als Menschen zu einen und zu ernähren,

kleinere führen keine Wünsche ein,
als beizutreten und dienlich zu sein.

Freilich, dass beide von ihnen eben
das bekommen, was sie erstreben,

müssen Große entsprechend von unten beleben!

 

 

Quelle und Zuflucht  62  Source and Refuge

 

Das Dào gilt allen als Andachtsplatz:

den guten Menschen gilt es als Schatz,

den nicht guten gilt es als Zufluchtsort!

 

Beim Handeln braucht man manch schönes Wort -

ehrende Taten wendet man
beim Befördern der Menschen an.

Den Menschen, die einfach nicht gut sein können,

warum soll man ihnen ihr Dasein missgönnen?

 

Daher: krönt man den Kaiser neu

und beruft drei Minister dabei,

und zwar mit kostbaren Jadegeschenken,

die Pferde voraus, Gespanne zu lenken…

nichts kann dem einfachen Dasitzen gleichen,

um jenes Dào darzureichen!

 

Worin lag es bei den Alten begründet,
dass sie das Dào zu schätzen so lehrten?

Wie, sprachen sie nicht:  „Wer sucht, der findet“,

„Wer Schuld trägt, wird dadurch gerettet werden.“?

So wirkt es als Allerhöchstes auf Erden.

 

 

Leichtigkeit des Seins  63  The Lightness of Being

 

Ohne einzugreifen handeln,

geschäftig in mühelosem Wandeln:

im Reizlosen finden, was Reize schafft,

wie Größe auch im Kleinen liegt,
wie Weniges Vieles überwiegt

erwidere Hass mit Innerer Kraft.

 

Plane das Schwierige, wenn es noch leicht ist,

tu' Großes erst, wenn Kleines erreicht ist.

Die schwierigen Dinge im Weltgeschehen –

aus Einfachem werden sie sicher entstehen,

und große Weltangelegenheiten

sind sicher aus kleinen herzuleiten.

 

Da Weise letztlich nichts Großes bewenden,

können sie so ihre Größe vollenden.

Wo leichtfertig freilich Versprechen gelten,

gewiss vertraut man sich da wohl selten,

wo Leichtfertigkeit zuviel schon war –
gewiss sind dann viele Probleme da;

so schreiten die Weisen Problemen entgegen,

und enden wohl ohne Probleme deswegen!

 

 

Erste Schritte zur Vollendung  64  First Steps to Completion

 

Was friedlich ist, ist leicht zu führen,

noch Unbestimmtes leicht zu erspüren;

was spröde ist, bricht leicht entzwei,

das Winzige, es löst sich auf so leicht,

behandeln etwas, bevor es noch sei,

Ordnung, bevor sie dem Chaos weicht!

 

Ein beidarmig zu umfassender Baum

wächst aus des Sprösslings feinstem Flaum,

ein Turm, der einmal neunstöckig werde,

erhebt sich aus einem Häufchen Erde.

Eine Reise, tausend Meilen lang,

mit einem ersten Schritt fing sie an!

 

In etwas eingreifen heißt: es vernichten,

etwas ergreifen: darauf verzichten.

Daher wird man von Weisen berichten:
die ohne Eingriff auch nichts vernichten

und ohne Zugriff auf nichts verzichten.

 

Die Leute verfolgen die Dinge und doch:
häufig am Ziel fast
verderben sie's noch.

Behutsam am Ende noch wie zu Beginn:

so kriegt man die Dinge schadlos hin.

 

So begehren die Weisen, nichts zu begehren,
aber schätzen es nicht, seltene Güter zu mehren;

sie lehren, doch ohne Belehrung darin,
wo alle vorbeigingen, gehen sie hin;

so fördern sie alle, von selber zu reifen,
doch keineswegs wagen sie einzugreifen.

 

 

Schlichte Natürlichkeit  65  Plain Naturalness

 

Die Alten, sie nutzten das Dào sehr,

zur Aufklärung der Leute taten sie's nicht:

sie hielten sie vielmehr dadurch schlicht.

Ein Volk zu leiten, das wird schwer,

nutzt seine Schläue es immer mehr.

 

Daher: mit Schläue ein Land regieren

heißt ein Land zu ruinieren,

nicht mit Schläue das Land zu leiten,

wird dem Lande Segen bereiten.

 

Dies Beides gilt es nun zu verstehen,

auch als erprobtes Vorbild zu sehen:

erprobte Vorbilder beständig zu kennen

kann Mystische Innere Kraft man nennen.

 

Die Innere Kraft welch Geheimnis ist sie,

tiefgreifend wohl und weitreichend, wie?

Sie bietet den Wesen eine Umkehr, wie?

und derart dann erlangen sie

eine große Harmonie!

 

 

Führen von unten  66  Leading from Behind

 

Worauf wirken Ströme und Meere ein,

Hunderter Täler Herr zu sein?

Weil sie vortrefflich unter sie gehen,

darin kann ihre Wirkung bestehen,
Hunderter Täler Herr zu sein.

 

Strebt man also über die andern,

muss man sie ausdrücklich unterwandern,

möchte man vor den anderen sein,

fügt man sich selber hinter sie ein.

 

So finden die Weisen sich oben ein,
doch ohne dem Volk beschwerlich zu sein,

stehen vor, doch dem Volk nicht schädlich, nein!

Vorgehen freudig wird jeder auf Erden

und niemals überdrüssig werden.

Werden sie nie zum Wettstreit bereit sein,

kann niemand auf Erden mit ihnen im Streit sein.

 

 

Die drei Schätze  67  The Three Treasures

 

Alle Welt nennt mein Dào groß,

unvergleichlich scheint es bloß

wahrlich ist es nur groß gemeint,

weil es so unvergleichlich scheint;

wenn du es vergleichbar denkst,

unbedeutend ist es dann längst!

 

Wahrlich: „Drei Schätze erfahre ich,

beschütze und bewahre ich:

Der erste, der Nächstenliebe kennt,

der zweite, der sich Genügsamkeit nennt,

„Nicht dreist zu handeln allen voran“:
Bescheidenheit meint der dritte dann.

 

Mut flößt Nächstenliebe ein,

Genügsamkeit lässt großzügig sein,

„Nicht dreist zu handeln allen voran“
lässt erfolgreich Talente ausreifen dann.

 

Heutzutage übt man Verzicht
auf Nächstenliebe, doch auf Kühnheit nicht,

auch die Genügsamkeit stellt man ein,
aber möchte doch freigebig sein,

auch nicht Bescheidenheit mehr zu verwenden,
aber voraus sein
 wird tödlich wohl enden!

Ja, Liebe wird kämpfend man siegreich sehen,

verteidigend wird sie widerstehen.

 

Wem der Himmel die Rettung weist,

den schützt er durch der Liebe Geist!

 

 

Wahre Führerschaft  68  True Leadership

 

Gute Herrscher sind nicht für Kriege bekannt,

gute Kämpfer sind nicht wutentbrannt;

wie gute Sieger fast teilnahmslos wandeln,

werden gute Leiter voll Ehre handeln.

 

Dies nennt man des Nicht-Streitens Innere Kraft,

dies gilt als wahre Führerschaft.

Dem Himmel gleich, so galt es darum

als Höchstes schon im Altertum!

 

 

Siegreicher Rückzug  69  Victorious Retreat

 

Man hört Strategen den Merkspruch sagen:

„Ich werde nie Erstangriffe wagen,

und übernehme Verteidigungslagen,

nicht wage ich vorzugehen ein Stück

und weiche lieber einen Fuß zurück.“

 

Heißt: Vorangehen ohne vorzugehen,

abwenden ohne Drohgeschehen,

das Niederwerfen kampflos schaffen,

beherrschen also ohne Waffen.

 

Kein Unheil ist noch höher zu setzen,

als einen Gegner zu unterschätzen

das Unterschätzen des Gegners verführt,
dass man fast seine „Schätze“ verliert!

Denn wo gleichrangige Krieger im Kampfe liegen,

da wird der Mitfühlende wohl siegen!

 

 

Nur Wenige sind auserwählt  70  But Few are Chosen

 

Meine Worte sind leicht zu verstehen,

als sehr leicht zu befolgen zu sehen.

Doch weltweit scheint niemand sie zu verstehen,

kann keinen man sie befolgen sehen.

 

Worte folgen ihren Vätern,

Taten folgen ihren Tätern.

Wahrlich, da kein Verständnis vorhanden,

daher werde ich nicht verstanden.

Die mich verstehen sie sind rar:

ich werde deshalb geschätzt sogar.

 

So Weise auch grobe Kleidung wählen,

bergen sie innerlich doch Juwelen!

 

 

Illusion und Weisheit  71  Illusion and Wisdom

 

Ich weiß, dass ich nichts weiß das Höchste schon,

Nicht-Wissen nicht wissen Illusion:

nur den Fehler als Fehler erkennen

ist daher nicht fehlerhaft zu nennen.

 

Ein Weiser, der ohne Fehler sei:

weil ihm Verfehlungen fehlen dabei

deswegen ist er von Fehlern frei.

 

 

Wahre Autorität  72  True Authority

 

Ist jemand furchtlos vor Autorität,

gewinnt er große Autorität noch spät...

Wohnraum sei ohne Einengung zu geben,

nie unterdrückt den Raum zum Leben

denn unterdrückt man sich nur nicht mehr,

ist man auch nicht bedrückt daher!

 

Darum erkennen sich Weise bloß,

doch beachten sich selbst nicht groß,

sie schätzen, doch überschätzen sich nie;

dies lassen sie, jenes wählen sie.

 

 

Stille Siege  73  Tacit Victories

 

Mut zum Wagnis: nach Töten streben,

Mut zum Nicht-Wagnis lässt uns leben

eins nützt von beiden, eins schadet eben.

 

Der Himmel was wohl verabscheut er,

und wer wüsste auch seine Gründe, wer?

Die finden darum auch Weise schwer…

 

Wo wird des Himmels Dào liegen?

Nicht wetteifern und geschickt doch siegen,

nicht reden doch keine Antwort verpassen,

nicht rufen von selbst alles kommen lassen,

gut meditieren, gut Pläne fassen.

 

Die Netze des Himmels sind weit geknüpft:

so weitmaschig sind sie, doch nichts entschlüpft!

 

 

Tod und Tödlichkeit  74  Death and Deadliness

 

Wo Ängste, zu sterben, die Leute nicht trafen,

wozu sie noch schrecken durch Todesstrafen?

Würden Menschen so meinetwegen

ständig in Todesängsten leben,

den Täter, fänd' man und packte ihn beim Kragen –

doch hinrichten ihn wer solte das wagen?

 

Vollstrecker von Amts wegen: jederzeit

standen zum Hinrichten sie bereit.

Denn für den Vollstrecker hinzurichten,

meint: statt des „Großen Zimmermanns“ Pflichten,

doch statt des „Großen Schnitters“ vernichten –

selten hat man nicht am Ende
sich verletzt die eigenen Hände!

 

 

Steuerrevolten  75  Tax Riots

 

Es hungert das Volk, denn die Obrigkeiten

verschlingen Steuern zu allen Zeiten,

ein hungriges Volk zu regieren ist schwer;

weil nun seine Obrigkeiten
da sind und eingreifen mehr und mehr  

ist es schwer zu leiten daher.

 

Die Leute nehmen ihn leicht, den Tod:

sie eifern, wo Lebensfülle sich bot –

sie nehmen ihn darum leicht, den Tod.

Denn nicht bloß auf das Leben zu setzen

ist würdiger als Leben zu überschätzen!

 

 

Zarte Kräfte  76  Subtle Strengths

 

Geboren sind Menschen weich und schwach,

hart und starr, wenn sie sterben, ach.

Gräser und Bäume, die Wesen zuhauf,
weich und geschmeidig leben sie sehr,

trocken, verdorrt ihr Sterben darauf.

Festes und Starkes sind daher
die Gefährten des Todesstrebens,

Weichheit und Schwäche Gefährten des Lebens.

 

Darum: sind unbeugsam die Waffen,
dann werden keine Siege geschaffen –

zu starke Bäume werden gefällt.

Wie Festes und Großes sich unten hält,

bleibt Weiches und Schwaches hochgestellt.

 

 

Der Weg der Natur  77  The Way of Nature

 

Des Himmels Dào: ja, es gleicht

einem  gespannten Bogen vielleicht?

Alles Hohe drückt es nieder,

Niedriges erhebt es wieder;

Besitz im Überfluss begrenzt es ,
Ungenügendes ergänzt es .

 

Des Himmels Dào so mindert es Dinge

im Überfluss und ergänzt das Geringe.

 

Das Dào des Menschen ist anders hingegen:

es mindert, was bereits unterlegen,
und dabei bietet es dort noch dar,
wo Besitz schon im Überfluss war.

Wer könnte besitzen Allerlei,
es darzubieten der Welt dabei?

Nur wer im Besitz des Dào sei!

 

Daher wirken die Weisen doch,
ohne darauf zu pochen noch,

ihre Werke vollenden sie
doch sie verweilen dabei nie,

sie wollen auch nicht prunken da,
wo man überlegen war.

 

 

Die Weisheit des Wassers  78  The Wisdom of Water

 

Nichts, was sich weicher auf der Welt
und nachgiebiger als das
Wasser verhält,

und doch greift es Festes und Starkes an,

nichts kann es übertreffen dann,

nichts, was es derart ersetzen kann.

 

Durch Schwaches wird Starkes niedergerungen,

das Starre durch Nachgiebigkeit bezwungen.

Niemand, der es nicht wüsste weltweit

doch keiner ist danach zu handeln bereit!

 

Darum des Weisen Sprichwort erwägt:

„Wer die Schande des Landes trägt,

nennt man 'des Schreines und Ackers Herrn';

trägt jemand des Reiches Unglück gern,

der wirke, als Weltenherrscher geehrt.“

 

Die Wahrheit klingt oft sinnverkehrt...

 

 

Segen der Verträglichkeit  79  The Blessing of Tolerance

 

Versöhnung, wo großer Streit erst war:

ein Rest voll Groll bleibt sicher da;

wie gut zu machen entsprechend, na?

 

Was daher dem Weisen stets näher lag,
das waren die Nachteile im Vertrag,

doch nichts, was vom anderen er fordern mag.

So hält man mit Innerer Kraft Verträge,

wo ohne die Kraft nur Forderung läge.

 

Der Himmel geht nicht auf Günstlinge ein

wird stets mit den guten Menschen sein.

 

 

Vereinfache dein Leben!  80  Simplify Your Life!

 

Nur wenig Bewohner, das Land eher klein,

lasst zig, ja hundert Geräte hinein,

doch letztlich alle nicht nötig sein.

Lasst Leute mit Ernst den Tod begreifen

und nicht in die weite Ferne schweifen.

Habt Boote und Wagen, doch nicht zum Versenden,

habt Panzer und Waffen, doch nicht zum Verwenden.

Zur Rückkehr lasst die Menschen senden,

zum Schnüre Knüpfen und verwenden auch.

 

Als genussvoll mögen die Speisen,

als schön ihre Kleider sich erweisen,

friedlich ihr Wohnen, fröhlich ihr Brauch.

 

Die Nachbarn, sie können einander sehen,

und hören die Laute der Hähne und Hunde,

erreichen so Alter und Todesstunde,

ohne sich jemals besuchen zu gehen.

 

 

Wahre Worte  81  True Words

 

Wahre Worte sind nicht als schön,

schöne nicht als wahr zu sehn.

 

Der Fähige geht auf Streit nicht ein,

wer streitet, kann nicht fähig sein.

Wie Wissende nicht gelehrt sein müssen –

ist bloße Gelehrsamkeit noch kein Wissen.

 

Ein weiser Mensch häuft auch nichts an:

je mehr er anderen hilft sodann,

umso mehr besitzt auch er,

je mehr er anderen geben kann,
erhält er selbst dann umso mehr.

 

Des Himmels Weg: nutzen, nicht Schaden bereiten,

des Weisen Weg: wirken, ohne zu streiten.

 

* 31,42,48,49,50,61,74,75 ungereimt im Original!?

 

 

Dào (2004)
Unlearn what other people learn,
and where they flee, that is your turn,
avoid whatever they hurray

help other people find their way... 

 

dào  (1984)
Verlerne, was die Anderen lernen,
sei nah, wo andere sich entfernen,
lass dich an keine Wege binden

hilf andern, ihren Weg zu finden...

 

    

Dào-Sonett
 

Alles ist ein Teil von einem Ganzen,

Sei es räumlich, sei es in der Zeit -

Tun und Nicht-Tun, einsam und zu zweit,

Alle: Engel, Menschen, Tiere, Pflanzen

 

Ohne Müh', sagt Laozi, überleg' ...

Lass nur die Natur Dein Lehrer sein:

Ist in allen Wesen Mein und Dein -

Einfach ist das Dào, ist der Weg

 

Beides: Ruhepol und Weltgetriebe

Tragen bei zum Spiel von Yīn und Yáng,

Dunkel lichtet sich ein Sphärenklang -

 

Ist das Wesen aller Wesen Liebe!

Charismatisch reift, was zu vergeh'n sucht -

Heißt der Weg der Kreaturen: Sehnsucht ...         

 

                                                    hilmar, 1997

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Klaus, Hilmar

Das Tao der Weisheit.

老子 Lǎozĭ 道德經 Dàodéjīng.

Aachen: Hochschulverlag / Mainz Verlag, IX 2008, 548 p. Bibliographie 140 S. [hardcover ISBN 978-3-8107-0032-2 & XI 2008 softcover 978-3-8107-0041-4].

[German edition of The Tao of Wisdom, comparing the three German translations (verbatim, analogous, poetic) in opposite pages; German commentaries in the bibliography.]

www.tao-te-king.org + http://www.tao-te-king.org/Das_Tao_der_Weisheit.htm

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Klaus, Hilmar

The Tao of Wisdom.

老子 Lǎozĭ 道德經 Dàodéjīng. Chinese - English - German.

Aachen: Hochschulverlag / Mainz Verlag, IX 2009, 548 p. [ISBN 978-3-8107-0032-2 & 978-3-8107-0041-4].

First trilingual edition, comparing verbatim + analogous English + German translations, bibliography 140 p.

www.tao-te-king.org + http://www.tao-te-king.org/the_tao_of_wisdom.htm

 

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© Dr. Hilmar Alquiros Aachen/Germany 2002 ff.